In dem Gedicht „Trutz, blanke Hans“ von Detlev von Liliencron ist sie Thema, die sagenhafte Stadt Rungholt und ihr Schicksal. Auch Theodor Storm zitiert diese Begebenheit und schmückt seine Geschichte um die versunkene Stadt und ihre blasphemischen Bewohner in seiner Novelle „Halligfahrt“ noch einmal mehr aus. Aber was ist dran an diesem Stoff? Hat es diese Stadt gegeben? Oder ist sie – wie die sagenhafte Insel Atlantis – ein Hirngespinst oder eine Wunschvorstellung?
Behutsam macht Winke Anders Jensen zuerst mit der Sage vertraut. Den reich gewordenen Einwohnern Rungholts, einer mittelalterlichen Stadt auf der alten Insel Strand, stieg ihr Geld zu Kopf. Sie wurden zu Faulenzern, neigten zur Verschwendungssucht und wandten sich vom Glauben ab, forderten den heimischen Priester gar auf üble Art heraus: Im Wirtshaus machten sie eine Sau betrunken, legten sie in ein Bett und versahen sie mit Decke und Zipfelmütze. Der Geistliche des Ortes wurde herbeigeholt und sollte dem vermeintlich Schwerkranken die letzten Sakramente spenden. Der Priester weigerte sich und wurde dafür auch noch verprügelt und verspottet.
Der Geistliche bat Gott um eine Strafe für die frevelnden Einwohner. Gott schickte eine schreckliche Sturmflut; die Wassermassen zerstörten den Deich und verschlangen die Stadt und ihre Einwohner. Nur der Priester, einige Jungfrauen und das verführte Schwein entkamen. Soweit die sagenhafte Geschichte Rungholts.
Anders als bei anderen Sagen hatte in diesem Fall der Pfarrer Anton Heimreich im Rahmen seiner nordfriesischen Chronik im 17. Jahrhundert mehrere Einzelerzählungen aus unterschiedlichen Zeiten und Landschaften zu einem Ganzen verbunden. Damit hatte er eine für lange Zeit überzeugende Erzählung geschaffen. Die Ortsbezeichnung Rungholt selbst ist auf alten Karten und Urkunden belegt. Aber wo genau lag dieser Ort?
Dem Heimatforscher und Landwirt Andreas Busch gelang es in den 1920er-Jahren erstmals, die Topografie der Insel zu rekonstruieren, wonach Rungholt in der Nähe der Insel Südfall mitten im Wattenmeer lag. Lange wurde ihm das nicht geglaubt. Erst heute bemüht sich die Wissenschaft wieder, basierend auf seinen Erkenntnissen und mit modernen Forschungsmethoden, das Leben der Einwohner Rungholts nachzuzeichnen.
Wienke Jensen hat ein ausgesprochen verständliches, gut lesbares Buch geschrieben, das mich auch in seinen farbigen Zeichnungen anspricht. Es wird jungen Erwachsenen gefallen und allen – und zwar nicht nur in Nordfriesland –, die eine verlässliche Information über das kleine „Atlantis der Nordsee“ suchen.
Der Titel ist im Boyens Buchverlag in Heide unter der ISBN 978-3-8042-1596-2 zum Preis von 18 Euro erschienen und eignet sich sehr gut als Sommergeschenk oder Mitbringsel.

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