Sehr spät, aber nicht zu spät habe ich diese im Jahr 2000 erschienene Lebensbeschreibung gelesen, die gleichzeitig auch Autobiografie ist. Der Autor, der hier als Erzähler auf über dreihundert Seiten in Erscheinung tritt, gilt als literarischer Einzelgänger in den Niederlanden und ist auch wegen der Wahl seiner Themen, z. B. in „Das Wüten der ganzen Welt“, nicht unumstritten.
Dieser Text erklärt manches Phänomen in den Roman ’t Harts. Die Liebe des Autors zu Maassluis, das in kaum einem seiner Werke als Ort der Handlung fehlen darf, erklärt sich gerade in diesem Buch und somit auch die Liebe zur See, zu Häfen, zur Seefahrt allgemein.
Tief tauchen wir in die Welt der Fünfzigerjahre der calvinistischen Niederlande ein. Eine Zeit, die nicht nur in der Kindererziehung gewalttätig ist. Die Not der Nachkriegszeit erzwingt eine Lebensbescheidenheit. Es gibt keine Fernseher, sodass schriftliche Texte – besonders die aus der Bibel – eine ungeheure Rolle spielen. Der Autor versteht sie als Kind wortwörtlich. So erklärt sich auch der Titel des Buchs: Da Gott allmächtig ist, kann er natürlich auch Fahrrad fahren.
Maarten ’t Harts Vater Pau ist Totengräber. Man erfährt die damalige Tektonik der Friedhofskultur: Es gibt vier Gräberklassen, und nur die Klasse 1 hat eine gewisse Dauer und wird nicht schon nach relativ kurzer Zeit „abgeräumt“. Es gibt Regeln der Bepflanzung, die der Grabmacher überwacht. Auch die Steine müssen gepflegt werden. Natürlich geht es auch ständig um das Geld, das immer knapp ist, und um das der Vater immer kämpfen muss, sogar gegenüber dem Beerdigungsunternehmer.
Originale kreuzen den Weg des Sohnes Maarten auf dem Friedhof. Einer will unbedingt jetzt schon dauernd das Fleckchen Erde besuchen, auf dem er nach seinem Tod liegen wird. Ein anderer erzählt immer wieder, dass er sich umbringen möchte. Aber Pau ’t Hart verweist ihn auf die Härte des Bodens im Winter und die Unmöglichkeit, jemanden dann angemessen zu beerdigen. Er bittet ihn also, mit seinem Ansinnen noch bis zum Frühling zu warten. Der Mann bringt sich dann tatsächlich jahreszeitenkonform um.
Mag sein, dass sich diese Sequenz fast humorvoll anhört. Aber über dem Kopf des Totengräbers hängt ein Damoklesschwert. Bei einer Operation haben die Ärzte festgestellt, dass ihm wegen einer Krebserkrankung der Bauchspeicheldrüse nicht mehr viel Zeit bleibt. Der Hausarzt eröffnet dem Sohn diese bittere Wahrheit. Dieser steht nun vor der schier unlösbaren Aufgabe, diese Nachricht seinem auf Besserung hoffenden Vater zu überbringen.
Die Situation ist kompliziert, denn Vater und Sohn sehen die Welt schon lange unterschiedlich. Während Pau ’t Hart gläubiger Christ ist, hat Maarten schon lange mit der Religion gebrochen. Häufig kommt es also bei diesem Thema zum Streit, der erbittert ausgetragen wird.
Das Buch lebt vielfach von der Selbstreflexion des Erzählers, der langsam vom Universitätsbiologen zum literarischen Autor ’t Hart wird. Larmoyant wird dieser Weg nicht beschrieben, sondern ausgesprochen selbstkritisch. Am Schluss des Buches stirbt der Vater. Mit gehörigen Selbstzweifeln betritt der Sohn als Autor Neuland und versucht sich – so wie die ganze Familie – ohne Vater neu zu orientieren.
Dieses Buch ist beim Verlag vergriffen. Auf der Plattform Booklooker beispielsweise wird dieser Titel in verschiedenen Ausgaben jedoch durchaus preiswert angeboten.

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