Wolf Biermann - Warte nicht auf bessere Zeiten - Die Autobiographie

Es gibt Bücher, die habe ich vertagt: Manche schienen vom Format sperrig zu sein, andere zu fremd oder aus der Zeit gefallen. Ich bin froh, dass ich vor Kurzem endlich begonnen habe, diesen Titel zu lesen.

 

Biermann (geb. 1936) folgt im Wesentlichen einer chronologischen Darstellung, die er allerdings durchaus poetisch weitet. Er hat Tagebuch geführt, sein Leben lang, und eher durch Zufall sind alle Bände auch erhalten geblieben. Zusammen mit seiner Frau Pamela hat er die Mühe auf sich genommen, noch einmal zusammenzutragen, wie sein Leben verlaufen ist. Gradlinig war es nicht, aber konsequent in der Grundhaltung. Folgen wir ihm ein wenig in seinen Erinnerungen, dann erfahren wir viel über die die Geschichte Deutschlands nach 1945, ja bis in unsere Tage hinein. Einige Grundfakten sind wertvoll; sie helfen beim Verständnis der Autobiografie.

 

Karl Wolf Biermann entstammt einem proletarischen Milieu in Hamburg. Sein Vater war Jude, KPD-Mitglied und arbeitete bei Blohm und Voss. Aktiv kämpfte er gegen die Nationalsozialisten und wurde im Konzentrationslager Ausschwitz ermordet. In seiner Kindheit besucht Wolf Biermann die Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg-Winterhude und wird als Elfjähriger Mitglied der Sozialistischen Jugend Deutschlands.

 

Während immer mehr Menschen aus der DDR in den Westen emigrierten, geht Biermann im Mai den umgekehrten Weg und siedelt 1953 in die DDR über. Dort soll er von der Stasi als geheimer Informant (GI) angeworben werden, was er verweigert. Nach dem Abitur geht er nach Berlin, studiert dort politische Ökonomie und Mathematik, arbeitet gleichzeitig im Berliner Ensemble unter Helene Weigel. Und beginnt seit 1962 bei verschiedenen kleinen Veranstaltungen Lieder zu singen.

 

Für sein Theaterstück „Berliner Brautgang“ erhält er Auftrittsverbot. Das Erscheinen diverser Texte von ihm im Westen vertieft den Konflikt mit der SED. 1965 wird das Auftrittsverbots für ihn und Kollegen wie Stefan Heym, Günter Kunert, Heiner Müller oder Robert Havemann verlängert: Hier wird ein Grundmuster deutlich. Biermann verteidigt die Idee des Sozialismus gegen staatliche Eingriffe, sein Vorbild ist dabei Rosa Luxemburg. Offen kritisiert er die Vorgänge in der DDR, insbesondere die SED.

 

Das Regime reagiert mit der Ausbürgerung Biermanns im Jahr 1976. Er war von der IG Metall auf eine Konzertreise in den Westen eingeladen worden und trat gerade in Köln auf, als ihn die Nachricht erreichte, dass ihm eine Wiedereinreise verboten würde und er nicht mehr Bürger der DDR sei. Vielleicht kann man diese Ausbürgerung gar als Anfang vom Ende der DDR betrachten: Ungewöhnlich deutlich solidarisieren sich in der DDR viele Künstler mit ihm und je mehr das Regime versucht, diesen Protest zu unterdrücken, desto mehr entfremden sich die Menschen von ihrem Staat. Die Zeit bis 1989 ist auch eine Geschichte des Exodus vieler Künstler in die Bundesrepublik.  

 

Eine Quelle, die Biermann für seine Autobiografie nutzen konnte, sind die Unterlagen, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über ihn anlegen ließ. Nach 1992 muss er sich durch diese Berge von Informationen über den „operativen Vorgang Lyriker“ – der Deckname für Biermann – durcharbeiten. Ein schwieriges Unterfangen; es ehrt Biermann, dass er sich nicht auf die Schnüffler konzentriert, die ihn auch nach seiner Ausbürgerung in den Westen im Herbst 1976 beim zuständigen Führungsoffizier verpfiffen haben, sondern ausführlich beschreibt, wie ihn dagegen Freunde wie Reimar Gilsenbach nie verraten hatten: „Ich fand in meinen Akten viel mehr widerspenstige Menschen als Schweinehunde.“ (S. 486).

 

Natürlich hört das Buch mit der Übersiedlung Biermann in die Bundesrepublik nicht auf, sondern berichtet weiter über Leben und Arbeit im Westen, nach 1989 in Gesamtdeutschland. Und Biermann überprüft seine politischen Positionen: Postuliert den Primat der Demokratie über die Idee des Kommunismus bzw. Sozialismus, eckt mächtig an mit der Feier der Wiedervereinigung, mit der Nähe zu Positionen Angela Merkels bzw. der CDU/CSU. Sein konsequentes Eintreten für die Unterstützung der Ukraine macht ihm nicht nur Freunde.

 

Er bleibt eigensinnig, lässt sich – auch in seiner Fundamentalkritik an der Partei Die Linke, die er als Nachfolgerin der SED wertet – in seiner Haltung nicht beirren.

 

Und schreibt weiterhin wunderbare Gedichte:

 

Ach Freund,
geht es nicht auch dir so?
Ich kann nur lieben,
was ich die Freiheit habe
auch zu verlassen:
Dieses Land
diese Stadt
diese Frau
dieses Leben

 

Eben darum lieben ja auch
Wenige dieses Land
manche ihre Stadt
viele eine Frau
aber das Leben ...

 

Alle!

 

(zitiert nach der handschriftlichen Fassung Biermanns auf dem Vorsatzblatt)

 

Wolf Biermanns Erinnerungen sind im Ullstein Verlag als Taschenbuch erschienen unter der EAN 9783548377377 und kosten 19.90 Euro. Eine Ausgabe, die sich unbedingt lohnt.

 

 

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