Die Halligen Nordfrieslands sind ein Sehnsuchtsort, nicht nur für die Touristen, die zahlreich diese weltweit einzigartige Natur- und Kulturlandschaft besuchen. Die Sicht der Besucher auf dieses kleine und durchaus gefährdete Paradies ist das eine, der Alltag dort das andere – das Thema von Knut Baudewig, der 1960 auf Hallig Hooge geboren wurde und für dieses Buch das Bildarchiv seines verstorbenen Vaters nutzen kann. So ist das Buch zweierlei: sehr persönlich gefärbter Rückblick auf Baudewigs Leben auf der Hallig und spannend präsentierte Information für den Leser.
In seinem Vorwort führt der Autor in die Welt der Halligen ein. Er berichtet von der Entstehung der heutigen Küsten- und Insellandschaft durch den Untergang der alten Insel Strand im 17. Jahrhundert und den Veränderungen danach, die enorme Auswirkungen auf das Leben der Bewohner hatten. Die mit treffenden Überschriften betitelten Kapitel sind mit einer Fülle von passenden Fotos illustriert.
Es beginnt mit dem Stichwort Warften, den aufgeworfenen Hügeln auf den Halligen, die zum Schutz der Wohnhäuser dienen. Ohne diese kein Überleben bei „Landunter“, sofern die Halligüberflutung besonders stark ausfällt. Die Beschreibungen der frühen Halliggemeinschaft werden in Berichten von Pastoren oder Schriftstellern lebendig. Dass die Landwirtschaft auf den Halligen ausschließlich der Selbstversorgung diente, erfahren wir im Folgenden, und auch, dass bis in die 1960er-Jahre mit Ditten geheizt wurde – mit getrocknetem Kuhdung.
Wie wuchsen die Halligkinder auf? Ein Beispiel bietet der Bericht des Autors Mein Elternhaus auf Ipkenswart, abgerundet durch Meine Großeltern auf Backenswarft. Aus den überwiegend biografischen Schilderungen entsteht auch ein Eindruck von den Mühen dieser Zeit.
Ein Sonderfall ist die kleine Hallig Süderoog. Hier wohnte Hermann Neuton Paulsen, der ein Jugendwerk gründete. Nach den schlimmen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg ermöglichte es ab 1924 einen Austausch für Kinder zwischen 10 und 17 Jahren, die aus Schweden, der Schweiz, Ungarn und weiteren Ländern kamen. Bis ins Jahr 1966 gab es dort auch eine Jugendherberge.
In Strandungen gerade auf Süderoogsand berichtet der Autor einmal mehr aus dem Leben seiner Familie, deren Mitglieder als Betroffene, aber auch als Helfer bei dieser Art Schiffbruch beteiligt waren. Tourismus auf den Halligen schildert, wie sich der Fremdenverkehr aus bescheidenen Anfängen ab den 1960er-Jahren schnell zu einer der Haupterwerbsquellen der Halligbewohner mausert.
In Schulzeit auf Hooge schildert Baudewig seinen eigenen Werdegang vom Schüler einer Zwergschule auf Hooge bis zum Wechsel auf das Gymnasium in St. Peter-Ording und das zugehörige Internat. Postverbindung, Stromversorgung und Trinkwasserversorgung beschreiben, wie erst in der Zeit nach 1960 diese heute selbstverständlichen Annehmlichkeit der Zivilisation auch für die Halligen ermöglicht wurden.
Und während die Kapitel Norderoog und Die Hooger Kirche spezielleres Interesse bedienen, zielt das Kapitel Sturmfluten auf ungeteilte Aufmerksamkeit und bietet eine aufwühlende Lektüre, durch die man sich in die lebensbedrohliche Situation der Baudewigs versetzen kann. Eine Mahnung an alle, den Klimawandel ernst zu nehmen, denn „der Küstenschutz , insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels und des Meeresspiegelanstiegs, wird weiter eine zentrale Aufgabe sein, die nie wirklich abgeschlossen ist“ (S. 231).
In gewohnter Qualität hat der Verlag Boyens ein Buch vorgelegt, das in seiner Mischung aus persönlichem Bericht und detaillierter Sachdarstellung überzeugt. Ein ideales (Weihnachts-)Geschenk für alle, die sich für die Welt der Halligen interessieren. Unter der ISBN 978-3-8042-1591-7 ist Alltag auf der Hallig im Buchhandel zum Preis von € 30 erhältlich.

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Dieter Hartwig (Freitag, 24 April 2026 21:38)
Auch wer meint, die nordfriesischen Insel- u. Halligwelt zu kennen, erhält mit diesem Buch einen sehr wirklichkeitsnahen Einblick. Dem Verfasser gebührt grosser Dank!