Henri Mulet: Esquisses byzantines, Tu es petra
Was kann die Musica nicht alles: aufheitern, erlösen, beruhigen, beflügeln, aufhellen, ordnen, tanzen, schwingen, ermuntern, trösten, unterhalten, erziehen, öffnen. Kleinere Musikstücke in sehr subjektiver Auswahl sollen einmal pro Monat Appetit machen auf etwas Wunderbares aus der großen Welt der Töne. Vielleicht ebnet das Anhören sogar den Weg zum Komponisten und dessen Œuvre?
Manche sehen Henri Mulet (1878-1967) nicht in der ersten Reihe der großen Organisten der französischen Spätromantik. Dabei hatte er es früh zu großer solistischer Meisterschaft am Cello und an der Orgel gebracht. Am Pariser Konservatorium hatte er Unterricht bei Charles Marie Widor und Alexandre Guilmant.
Beruflich war er immerhin von 1911 bis 1937 Organist der Kirche Saint-Philippe du Roule, zunächst als Organist der Chororgel und ab 1922 als Titularorganist der Hauptorgel. 1937 zog sich Mulet aus Paris zurück und versah bis 1958 das Organistenamt an der Pfarrkirche Saint Michel in Draguignan.
Aber vielleicht wurde Mulet auch sein offener Brief vorgehalten, in dem er in den 1920er-Jahren gegen moderne Einflüsse auf die Orgelmusik seiner Zeit polemisierte? Ganz gewiss war es für das ohnehin schmale Œuvre nicht von Vorteil, dass Mulet sich 1937 ganz überraschend nach Südfrankreich zurückzog, um dort in einer religiösen Gemeinschaft zu leben. Einen großen Teil seiner Manuskripte verbrannte er.
Erhalten hat sich zum Glück seine Orgelsuite Esquisses byzantines, die ich in den 1970er-Jahren auf NDR 3 hörte, damals beeindruckend eingespielt von der 2022 verstorbenen Organistin und Hochschullehrerin Rose Kirn.
In der Nummer 10, Tu es petra et portæ inferi non prævalebunt adversus te (Du bist der Fels und die Pforten der Hölle werden dich nicht überwältigen), dem Schluss dieser Suite, zeigt sich ein enormes kompositorisches Können, das die spätromantische Orgeltradition gekonnt mit gregorianischen und byzantinischen Klängen verbindet.
Wir hören Timothy Noon an der großen Orgel von Exeter im Südwesten Englands.
https://www.youtube.com/watch?v=SnORhh0IzCA&t=60s

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