Wienke Anders Jensen – Die illustrierte Geschichte des Nord-Ostsee-Kanals

Das hat gefehlt: Ein Buch, das sich in einfacher Art und Weise, trotzdem in der Sache und vom Thema her angemessen, mit dem Nord-Ostsee-Kanal beschäftigt. Jetzt endlich liegt eine kurze und illustrierte Geschichte des Nord-Ostsee-Kanals vor, die versucht, ein durchaus komplexes Thema anschaulich zu klären.

 

Der Autor Wienke Anders Jensen, im Hauptberuf Richter, beantwortet in dem im Querformat gestalteten Buch auf über dreißig Seiten zentrale Fragen: Warum gibt es diesen Kanal überhaupt? Was ist seine Idee? Welche Vorformen hat es wo und wie lange gegeben? Hierzu sind dem „alten Eiderkanal“ mehrere Seiten gewidmet.

 

Aber wie, warum und durch wen wurde der seit 130 Jahren bestehende Kanal projektiert? Wie verlief die Entscheidungsfindung? Im Jahr 1886 wurde vom Reichstag das Gesetz zum Bau des Nord-Ostsee-Kanals gebilligt. Im Juni 1887 begannen die Arbeiten, die 156 Millionen Goldmark kosteten.

 

Jensen vergisst nicht, neben den Fakten ausführlich das Leben der Arbeiter zu schildern. Was wurde ihnen bezahlt, wie waren sie untergebracht, wie gesundheitlich versorgt? Wie war die Stimmung unter den aus ganz Europa kommenden Leuten?

 

Was geschah derweil an Land? Wie wurden die durch den Kanal erzeugten Veränderungen begleitet? Und wie wurde die Fertigstellung im Jahre 1895 gefeiert? Diese und weitere Fragen werden geduldig beantwortet, ohne dass der Autor sich in technischen Einzelheiten verliert.

 

Das Buch schließt mit einer Beschreibung des Ist-Zustandes dieser weltgrößten künstlichen Wasserstraße. Was läuft also auch heute noch gut, was nicht? Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, damit der Kanal seine Funktion als Umwegersparer weiterhin ausüben kann?

 

Jensen hat einen einfach zu lesenden, durchaus auch für Jugendliche verständlichen Text verfasst, ergänzt durch sehr ansprechende, persönlich gefärbte Zeichnungen. Damit schließt der Verlag eine Lücke in der umfangreichen Kanal-Literatur und feiert auf seine Weise 130 Jahre Nord-Ostsee-Kanal.

 

Dieses liebevoll gestaltete Buch ist unter der ISBN 978 3 8042 1589 4 zum Preis von € 18 zu erhalten und umfasst 36 Seiten.

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Wilfried Kalski (Mittwoch, 20 Mai 2026 15:43)

    Der Nord-Ostsee-Kanal und die heutige Politik
    War es ein Fehler und wieso konnte so ein Projekt ziemlich schnell entstehen.
    Nein, aus wirtschaftlicher Sicht war der Bau des Nord-Ostsee-Kanals kein Fehler, auch wenn er anfangs vor allem aus strategisch-militärischen Gründen vorangetrieben wurde. Langfristig hat sich die Wasserstraße als klarer Standort- und Kostenvorteil für Schifffahrt, Häfen und die Wirtschaft in Norddeutschland erwiesen.
    Wirtschaftlicher Nutzen
    Der Kanal verkürzt die Verbindung zwischen Nord- und Ostsee deutlich und spart damit Zeit, Treibstoff und oft auch Kosten im Vergleich zur Route um Skagen. Die Industrie- und Hafenstandorte entlang der Strecke profitieren bis heute, weil der Kanal Umschlag, Zulieferketten und regionale Dienstleistungen stärkt. Eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft nennt laut IHK einen jährlichen Nutzen von 570 Millionen Euro für Deutschland.
    Einordnung der frühen Phase, der Entscheidungsphase
    Beim Bau standen militärische Motive im Vordergrund; wirtschaftlich war der Nutzen zunächst nicht der einzige und vielleicht auch nicht der Hauptzweck. Dennoch zeigt die spätere Entwicklung, dass die Investition langfristig aufging: Der Kanal wurde zu einer der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen der Welt und gilt rückblickend als Erfolgsprojekt. Dass er schon nach wenigen Jahren erweitert werden musste, spricht eher für seinen Erfolg als gegen ihn.
    Fazit
    Wenn man nur auf die Bauzeit schaut, konnte der Kanal als sehr teures Prestige- und Rüstungsprojekt wirken. Nimmt man aber die wirtschaftliche Gesamtwirkung über Jahrzehnte, war er kein Fehler, sondern eine Infrastrukturentscheidung mit dauerhaftem Nutzen für Handel, Häfen, Industrie und Tourismus.
    Der Kanal wurde von Kaiser Wilhelm II in Auftrag gegeben, weil die Marine Vorteile sah. Das hat den Kaiser überzeugt. Schon nach sehr kurzer Zeit stellte man fest, dass der Vorteil eher bei der Wirtschaft, als bei der Marine liegt. Entscheidungssucher wussten, wo die Überzeugungsgrenze beim Kaiser am besten ankommt.

  • #2

    Wilfried Kalski (Mittwoch, 20 Mai 2026 15:47)

    Teil 2 Nord-Ostseekanal: Autoritäten benötigen auch heute Zuspruch in der Bevölkerung, egal, ob sie Putin, Tramp oder die iranische Regierung ist. Wieso konnte so ein Projekt wie der Kanal der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden. Die große Autorität des Kaisers hat schließlich dazu beigetragen, dass der Kanal 2000 fertig gestellt wurde. Man sagt, dass dieses mit heute wesentlich stärker mitwirkenden Bevölkerung nicht denkbar gewesen wäre. Die Planung des Riesenobjektes Nordostseekanal hat 8 Jahre gedauert. Die Hamburger Elbphilharmonie hat 16 Jahre benötigt. der Münchener Flughafen hat 23 Jahre benötigt bis zur Eröffnung und seit 2005 ist die Küstenautobahn A 20 in Planung. Fertigstellung nach wie vor ungewiss
    Der Nord‑Ostsee‑Kanal (Kaiser‑Wilhelm‑Kanal) konnte der Bevölkerung relativ leicht „schmackhaft gemacht“ werden, weil er nicht nur als militärisches Prestige‑Projekt des Kaisers, sondern bald auch als wirtschaftlicher Nutzenbringer für Handel, Häfen und Arbeitsplätze verkauft wurde. Zusätzlich spielten Symbolkraft, Nationalstolz und die damalige politische Struktur des Kaiserreichs eine große Rolle.
    Symbolik und Autorität des Kaisers
    Kaiser Wilhelm II. setzte den Kanal als großes Zeichen für die Macht und Einheit des Reiches; seine hohen persönlich, wodurch die Akzeptanz in Politik und Öffentlichkeit stark stieg.
    In einer Zeit, in der Parlament und öffentliche Beteiligung deutlich schwächer waren als heute, reichte die Anordnung aus der Spitze oft aus, um Großprojekte politisch zu stabilisieren.
    Wirtschaftliche Argumente
    Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung 1895 wurde klar, dass der Kanal vor allem für die Handels‑ und Schifffahrtswirtschaft Vorteile bot: kürzere Fahrzeiten, geringere Risiken in der Nordsee und stärkere Wettbewerbsposition der deutschen Häfen, vor allem Hamburgs.
    Studien zeigen, dass der Kanal heute einen volkswirtschaftlichen Jahresnutzen von rund 570 Millionen Euro für Deutschland erzeugt – dieser Effekt war im Kaiserreich zwar noch nicht so genau berechenbar, aber die wachsenden Schiffs‑ und Frachtbewegungen waren sichtbar.
    Finanzierung und politische Akzeptanz
    Die Kosten (156 Millionen Mark damals, später nochmals deutlich teurer ausgebaut) wurden über den Staatshaushalt und sogar über Sondersteuern (z. B. auf Schaumwein/„Sekt“) finanziert.
    Weil die Bevölkerung damals weniger an Planungs‑ und Beteiligungsprozessen beteiligt war als heute, konnte das Projekt ohne die heutigen, langen Abstimmungen und Bürgerrechtsverfahren relativ schnell umgesetzt werden.
    Vergleich mit heutigen Großprojekten
    Deine Beispiele wie Elbphilharmonie (16 Jahre), Münchener Flughafen (23 Jahre) oder A 20 (seit 2005 in Planung) zeigen, dass die heutige Demokratie, Umwelt‑ und Anwohnerrechte, Bieter‑ und Genehmigungsverfahren Projekte deutlich verlängern und politisch komplexer machen.
    Ein Projekt wie der Nord‑Ostsee‑Kanal würde heute wohl kaum mit der gleichen Autorität und Geschwindigkeit durchsetzbar sein – hier wären Bürgerbeteiligung, Gutachten, Klagen und europäische Vorgaben dominierend, während damals der Kaiser und die Reichsregierung weitgehend allein entschieden.
    Wenn man die damalige Zeit betrachtet, wäre ohne die Autorität des Kaisers und der ihm zugeschriebenen Unfehlbarkeit ein Kanal nicht möglich gewesen. Alle politischen Entscheidungsführer nach dem 2. Weltkrieg haben innerhalb kürzester Zeit unter Autoritätsverlust zu leiden, weil sie doch Fragestellungen aus der Bevölkerung, aber auch durch eine sehr kritische Presseeinstellung eine Macht wie die des Kaisers nicht wiederbekommen könnten. Diese auch mit Demokratieverlusten belastete Zeit will man nicht wiederhaben, aber vielleicht gibt es noch ein Zwischending, zwischen der Kaiserzeit und heute. Heute wählen wir mit Begeisterung die Führung unseres Landes und fangen nach der Wahl an, sie zu verdammen.
    Nord‑Ostsee‑Kanal und politische Autorität: Vom Kaiserreich in die parlamentarische Demokratie
    Die Planung und Umsetzung des Nord‑Ostsee‑Kanals (Kaiser‑Wilhelm‑Kanal) war eng mit der politischen Kultur des Deutschen Kaiserreichs verbunden. Ohne die Autorität Kaiser Wilhelms II. und das damals herrschende Vertrauen in die Entscheidungsfähigkeit des Monarchen wäre ein solches Großprojekt in der Form und Geschwindigkeit kaum möglich gewesen. Die Macht des Kaisers war zentralisiert, Parlament und Öffentlichkeit hatten einen deutlich geringeren Einfluss auf die Infrastrukturpolitik als heute. Kritische Debatten, Bürgerbeteiligungen oder längere Genehmigungsverfahren spielten praktisch keine Rolle. Entscheidungen wurden „von oben“ getroffen und die Bevölkerung akzeptierte sie – teils aus Respekt, teils aus mangelnder politischer Mitwirkungsmöglichkeit und Mitwirkungswillen.

  • #3

    Wilfried Kalski (Mittwoch, 20 Mai 2026 15:50)

    Teil 3 Seit dem 2. Weltkrieg hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Die politischen Führungen in Deutschland, sei es in Bundesregierungen oder in den Ländern, haben innerhalb kürzester Zeit unter einem deutlichen Autoritätsverlust gelitten. Die Bevölkerung stellt zunehmend Fragen, hinterfragt Zielsetzungen und fordert Beteiligung, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Gleichzeitig verstärkt eine – oft recht kritisch eingestellte – Presse diese Entwicklung, indem sie Entscheidungen parteiübergreifend auf die Probe stellt. Die absolute Autorität eines Kaisers ist in dieser Demokratie nicht mehr wiederherstellbar, und das wollen die meisten Bürger auch nicht, weil sie mit der Erinnerung an autoritäre und totalitäre Systeme verbunden ist, die mit Demokratieverlusten und Menschenrechtsverletzungen einhergingen.
    Allerdings lässt sich unterscheiden zwischen Autoritätsverlust und handlungsfähiger Entscheidungsfindung. Die heutige Demokratie ist vielleicht langsamer, dafür aber breiter abgestützt und durch Verfahren gesichert. Es gibt heute kaum ein Projekt dieser Größenordnung, das ohne umfangreiche Abstimmungen, Gutachten, öffentliche Anhörungen und oft auch gerichtliche Prüfungen umgesetzt werden kann. Große Infrastruktur‑Vorhaben wie die Elbphilharmonie, der Münchener Flughafen oder die Küstenautobahn A 20 zeigen, wie komplex und langwierig Entscheidungen heute werden. Die Autorität der Politik ist dadurch geschwächt, aber gleichzeitig sind die Verfahren demokratischer und transparenter.

  • #4

    Wilfried Kalski (Mittwoch, 20 Mai 2026 15:51)

    Ein interessanter Gedanke ist, ob es ein Zwischending zwischen der damaligen Kaiserzeit und der heute vorherrschenden, oft zögerlichen Demokratie geben könnte. Ein System, in dem die politische Führung entschlossen und langfristig denken kann, ohne die Bürger zu übergehen, in dem politische Entscheidungen getroffen werden, die aber stets auf Akzeptanz und Vertrauen der Bevölkerung beruhen. Die Wahlmündigkeit der Bürger ist heute idealerweise Ausdruck dafür, dass sie aktiv über die Richtung ihres Landes entscheiden. Dann folgt aber oft ein schneller Wechsel: Noch vor der Wahl wird die politische Führung mit Begeisterung gewählt, und schon kurz danach beginnt die Kritik, die „Regierung der Verdammten“ zu etablieren.
    In diesem Spannungsfeld bleibt die Aufgabe moderner Demokratie, zwischen einer autoritären Entscheidungskultur und einer lähmenden Fragmentierung zu vermitteln. Die Geschichte des Nord‑Ostsee‑Kanals zeigt, was möglich ist, wenn eine starke politische Führung ein Projekt mit Weitblick durchsetzt. Sie zeigt aber auch, dass die heutige Demokratie dafür nicht nur langsamere, sondern auch breiter tragfähige Lösungen anstrebt. Die Herausforderung besteht darin, die Vorteile rascher Entscheidungsfähigkeit zu bewahren, ohne die demokratischen Grundlagen zu untergraben. Zwischen dem Zeitalter des Kaisers und der heutigen Wählergesellschaft liegt ein Weg, der nicht nur auf Autorität, sondern auf Vertrauen, Dialog und Verantwortung gebaut ist.
    Meine Prognose, ohne den Kaiser hätten wir niemals einen Nordostsee-Kanal bekommen. Meine Befürchtung, diejenigen, die heute leben, werden die Küstenautobahn A 20 nicht fertig erleben. Wir Menschen müssen überlegen!
    Ich denke, meine Prognose zum Nord‑Ostsee‑Kanal ist sachlich gesehen nachvollziehbar: Ohne die zentrale Autorität Kaiser Wilhelms II. und die politische Kultur des Kaiserreichs wäre ein so großes, durchgreifendes Infrastrukturprojekt in der damaligen Geschwindigkeit kaum denkbar gewesen. Die Macht des Kaisers, verbunden mit einem parlamentarischen System, das weniger kontrollierend als begleitend war, hat die Umsetzung ermöglicht, die heute in einer komplexeren Mediendemokratie mit vielen Beteiligten und Verfahren nicht mehr so leicht durchsetzbar wäre.
    Meine Befürchtung zur Küstenautobahn A 20 spiegelt genau diese Veränderung wider: In einer Zeit, in der Bürgerbeteiligung, Umweltschutz, Finanzdisziplin und rechtliche Rahmenbedingungen eine größere Rolle spielen, dauern Großprojekte oft Jahrzehnte – manchmal länger als eine Generation. Die A 20 ist seit 2005 in Planung, Abschnitte wurden gebaut, doch ein durchgängig fertiger, durchgehender Abschnitt bleibt langfristig ungewiss.
    Gerade deshalb ist es wichtig, dass „wir Menschen überlegen“ – individuell und gesellschaftlich. Überlegen heißt hier: Was wollen wir als Gesellschaft? Schnelle, entschlossene Großprojekte mit klaren Entscheidungszentren – oder langsame, breit abgestimmte, aber stabil getragene Infrastrukturprojekte, die viele Interessen berücksichtigen? Beide Wege haben Vor- und Nachteile. Die Demokratie bietet Schutz vor Willkür, aber auch Gefahr der Lähmung.
    Die Balance liegt darin, Verfahren zu entwickeln, die transparent sind, aber nicht zu einem Stillstand führen; die Beteiligung zulassen, aber auch klare politische Verantwortung sicherstellen. Die Geschichte des Nord‑Ostsee‑Kanals kann uns als Beispiel dafür dienen, wie viel ein einzelner politischer Wille bewirken kann – und die Geschichte der Küstenautobahn A 20 zeigt uns, wie schwierig es heute ist, langfristige Projekte zu Ende zu führen.

    Am Ende bleibt es eine Frage des Bewusstseins: Sollen wir unser Vertrauen in die Politik stärken, indem wir sie verantwortungsvoll kritisieren, aber auch ernst nehmen – oder uns zurückziehen, sie verdammen und abwarten, bis vor lauter Verzögerung Projekte wie die A 20 niemand mehr erlebt? Beides ist möglich – aber nur eines bringt eine Zukunft, die wir aktiv gestalten, statt nur erleben.